Dezember 2nd, 2001
Dokumentarfilm: Muenchen - Becej
Eine Reise ins Nachkriegselend Serbiens
Ein Dokumentarfilm von Michael Kreitmeir und Dragan Drazic / BR-München
Tag für Tag starten Dutzende Busse an der Hackerbrücke in München. Ihr Ziel, das ehemalige Jugoslawien. Nach drei Monaten Besuch in Deutschland kehrt auch Lajos Toth zurück in seine Heimatstadt Becej in der Wojwodina. Doch Bürgerkrieg, Milosevic’ Gewaltherrschaft, Embargo und NATO-Bomben haben die Dörfer und Städte im nördlichen Serbien ruiniert. Schlimmer noch: die fruchtbare Wojwodina, von der man mit Recht sagte, sie könne halb Europa ernähren, steht vor einer Hungersnot in diesem Winter. Die Menschen dort fühlen sich von allen verlassen, von den Nachbarn, von der eigenen Regierung. Sie leben in tiefster Armut, im Nachkriegselend.
Start in München
München Zentrum, gleich neben der Hackerbrücke. Tag für Tag, besonders aber vor dem Wochenende, herrscht hier Aufbruchstimmung. Namen, die uns nur aus einem schrecklichen Krieg bekannt sind. Mehr als 100 Busse werden auch an diesem Freitag starten, nach Bosnien, Kroatien, Serbien. Es wird viel geraucht, keine Spur von Ausgelassenheit, nur sachliche Geschäftigkeit, denn ungeheure Massen an Gepäck müssen verstaut werden. Lajos Tot ist einer der Wenigen, der lächelt. Drei Monate war er zu Besuch bei der Tochter in Deutschland, heute geht es zurück nach Serbien, genauer in die Vojvodina, mit zwölf Taschen. Kurz vor 16 Uhr, Klappe zu, zumindest gestartet wird pünktlich.
Im Wechsel mit einem Kollegen wird er bis an die rumänische Grenze fahren. Mindestens 20 Stunden liegen zwischen hier und dem, was von ihrer einstigen Heimat Jugoslawien übrig geblieben ist. Kilometer für Kilometer wird es ruhiger im Bus. Über Passau und Wien geht es Richtung Ungarn. Mit dem Fahrpreis wird auch für die Zöllner dort gesammelt, 2 €uro 50 sind Pflicht. Kein Widerstand, nicht einmal Murren. Es gibt nur diesen Weg für einen Serben in die Heimat. Trotzdem fährt Dragiza jedes 2. Wochenende zu den Kindern. Die ganze Nacht macht Lajos kein Auge zu. Jeder will mal mit ihm reden, etwas abbekommen von seinem Optimismus.
Erste Haltestation: Die Hauptstadt der nordserbischen Provinz Vojvodina, Novi Sad. Für Lajos ist es Zeit, auszusteigen. Es muss schnell gehen, die Anderen müssen weiter bis an die rumänische Grenze. Nur ja keine der zahllosen Taschen vergessen! Etwa 50 Kilometer sind es noch nach Becej, nach Hause. Krieg, der Zerfall Jugoslawiens, Blockade und Natobomben, Kilometer für Kilometer werden die Folgen unübersehbarer.
Fast alle Alleen entlang der Straßen wurden gefällt, ganze Wälder verheizt um nicht zu erfrieren. Für die Holzsammler in diesem Winter ist nur dorniges Gestrüpp am Wegrand übrig geblieben. Kilometerlange Geisterzüge säumen unseren Weg. Auf der Fahrt zurück nach Kroatien vom Krieg gestoppt, waren sie stehengeblieben, wurden vergessen. Im Laufe der Jahre wurde alles Brennbare herausgerissen und verschürt. Millionen von Tonnen Schrott, eine unübersehbare Bankrotterklärung des einstigen sozialistischen Musterlandes. Fast alle Fabriken sind geschlossen, es gibt kaum Arbeit. Die Strasse scheint direkt in eine längst überwundene Vergangenheit voller Armut und Not zu führen. Es fällt immer schwerer zu glauben, das wir immer noch in Europa sind.
Keine Hoffnung in Sicht
Zuerst waren es die fehlenden Ersatzteile durch die Blockade. Die Maschinen wurden abgestellt, als Ersatzteillager hergenommen, Vieles wurde gestohlen, der Rest ist verrostet. Keine Hoffnung ist in Sicht, besonders für die einst so erfolgreiche Landwirtschaft in der Vojvodina. Längst geht es für die meisten Menschen hier nur noch ums tägliche Überleben. Für diese Kriegswitwe war es ein guter Tag. Sie hat zumindest Holz und muss mit ihren Kindern ein paar Tage nicht frieren.
Als wir Becej erreichen ist Lajos Tot ganz schweigsam geworden. Sonne und Heimweh hatten die Erinnerung verklärt. Jetzt, mitten im Winter, sieht er seine Vojvodina, sein Becej, plötzlich mit ganz anderen, mit unseren Augen. Gestern noch in München und heute, nicht einmal zwei Kilometer vom Zentrum dieser 60.000 Einwohner zählenden Stadt entfernt, solche Bilder. Was soll er dazu auch sagen?
Ablenkung, vielleicht auch etwas Trost sucht Lajos in seiner kleinen Werkstatt. Aus Deutschland hat sich der gelernte Tischler einige Werkzeuge mitgebracht. Hier gibt es so etwas nicht. Als gutem Handwerker, vor allem aber dank Tochter und Schwiegersohn in München geht es ihm verhältnismässig gut. Doch was ist aus seiner Heimat, der einst so blühenden Vojvodina geworden?
Boldischar, ein alter Freund, war einst ein wohlhabender Bauer. Mit seinem Pferdekarren fährt er heute die Milch aus, kämpft wie so viele hier, nur noch darum, irgendwie über die Runden zu kommen. Irgendwann muss es doch einfach wieder besser werden! Beide gehören zur grössten Minderheit der Vojvodina. Etwa 340.000 der zwei Millionen Bewohner dieser multiethnischen Provinz sind Ungarn. Doch heute machen Sorgen und Not einmal Pause, denn heute ist ein besonderer Tag in Becej, ein guter Tag, allerdings nicht für die Schweine.
Überall wird geschlachtet. Wer kein Schwein, ein paar Hühner, vielleicht sogar Schafe hinter dem Haus hat, der hat es wirklich schwer. So lange wie möglich wird das Winterschwein durchgefüttert, ein lebendiger Vorrat auf Abruf. Auch Michael Galfi und seine Frau wüssten nicht, wie sie ohne Haustiere überleben könnten. Die ganze Familie ist gekommen, hilft beim Schlachten und jeder wird seinen Teil bekommen. Viel wird da nicht übrig bleiben für die beiden Alten. Umso wichtiger ist es, dass nichts, aber auch wirklich nichts verkommt.
Istwan, der Schwager, hat selbst kein Schwein. Er hilft und bekommt seinen Anteil. In der Not sind gerade die Minderheiten, wie die ungarischen Serben, näher zusammengerückt. Wenigstens heute wollen sie alle einmal nicht an Not und Elend denken.
Viel ist ihnen nicht geblieben
Viel ist ihnen nicht geblieben, nach einem langen Leben voller Arbeit. Die da oben haben alles kaputt gemacht, die Heimat, das Leben, die Zukunft. Wenn es noch schlechter wird, meint Michael, dann nimmt er einen Strick. Viele, besonders von den Alten, machen das hier so und jeder weiß, dass es Michael Galfi todernst meint. Schon am nächsten Tag ist der triste Alltag nach Becej zurückgekehrt.
Eisiger Nebel verstärkt dieses Gefühl der Trostlosigkeit. Istvan Kosma gilt im Viertel fast schon als wohlhabend. Nicht nur weil er einige Schafe, Gänse und Hühner besitzt, Istwan hat Arbeit. Für viele begann das Elend, als Milosevic der Vojvodina 1989 den Status der Autonomie wegnahm. Das wenige, das noch da ist, gehört Belgrad. Es gibt keine offizielle Arbeitslosenstatistik, aber wo es keine Fabriken, kein Geld, keinen Glauben an die Zukunft gibt, wo soll da Arbeit herkommen? Istvan Kosma geht jeden Morgen zur Fabrik mit der Angst, die Tore könnten geschlossen sein. Dabei verdient er nicht viel, gerade mal 200 Mark im Monat. Aber ohne dieses Geld, nur mit den paar Tieren könnte er nicht einmal mehr Feuerholz zahlen und den Strom. Am Anfang hat Istvan wie viele hier geglaubt, nach Milosevic würde es bald besser werden, doch es geht immer nur bergab, Tag für Tag.
Istvan Kozma: “Wir stecken in einer riesigen Krise. Das hört nie auf wird im Leben nicht besser. Hier - Niemals! Natürlich habe ich Angst, wenn ich an die Zukunft denke. Aber das hilft ja auch nichts: Wenn ich eines Tages die Rente überhaupt erlebe, dann wird sie winzig sein, aber wahrscheinlich kriegen wir gar keine Rente.”
Istvans Misstrauen kommt nicht von ungefähr. Wer sich nicht rechtzeitig an der Post anstellt, um am Monatsanfang seine Rente abzuholen, riskiert, dass kein Geld mehr da ist. Vertrauen in die da im fernen Belgrad hat hier niemand mehr.
Jeder versucht irgendwie durchzukommen
Die staatlichen Betriebe und Läden sind am Ende. Es gibt fast nichts, was man dort kaufen könnte und der Service ist miserabel. Selbst Brot ist hier teurer als in der Hauptstadt und das, obwohl alles Mehl aus der Vojvodina kommt. Private Konkurrenz gibt es kaum, weil ganz einfach das Geld für Investitionen fehlt. Trotzdem handelt fast Jeder, versucht irgendwie durchzukommen.
Schon von aussen verrät dieser staatliche Supermarkt, was einen innen erwartet. Die Geschäfte werden draußen abgewickelt. Auch ein paar Dinar sind besser als gar nichts. Gegen die zahllosen Märkte haben Geschäfte keine Chance. Die Menschen vertrauen nur noch dem, was sie kennen, in diesem Fall dem Handel unter freiem Himmel. Jeder kann hier kaufen und verkaufen, wer zuerst kommt, besetzt die besten Plätze. Man kennt sich und es gibt fast Alles! Schätzungsweise jeder fünfte Serbe handelt derzeit mit irgendetwas. Das Meiste wird auf teilweise abenteuerlichen Wegen aus Ungarn ins Land geholt. Bezahlt wird in Dinar oder, besser noch in Euro.
Arpad Pece ist ein Profi. Zwei bis drei Märkte klappert er täglich ab. Seine Ware holt er aus einem riesigen Einkaufszentrum in Ungarn. Neben den Profis bieten mehr und mehr Menschen auf den Märkten das Letzte an, was Ihnen Krieg und Krise übergelassen hat.
Arpad packt als einer der ersten zusammen, seine Frau hat den nächsten Platz bereits blockiert. Es ist keine gute Zeit für Geschäfte. Seit die heimliche Währung Serbiens, ja des ganzen Ostens, die deutsche Mark, dem Euro weichen musste, hat die Mark an Wert verloren, Euros sind erst wenige im Umlauf.
Auf diesem Bauernhof ist Arpad Pece aufgewachsen. Er hat erlebt, dass die Bauern in Serbien für das Regime nur für zwei Dinge gut waren, nämlich um Steuern zu zahlen und ihre Söhne in den Krieg zu schicken. Die mühsam eingebrachte Ernte wurde vom Staat nicht oder mit solcher Verspätung bezahlt, dass das Geld aufgrund der Inflation jeglichen Wert verloren hatte. Ausgepumpt, ja zugrunde gerichtet, leben viele Bauern wie im Mittelalter.
Piroska ist 67, ihr Arbeitstag dauert 14 Stunden. Verhungern muss Sie und ihr Mann nicht, aber das ist auch alles. Nicht einmal die lebensnotwendige Medizin für ihren Mann Mischko können sie sich leisten. Sie haben kein Auto, keine Maschinen - nur ein Pferd, ein paar Kühe und Schweine. In nur 10 Jahren wurde die Vojvodina, von der man zu Recht sagte, sie könne halb Europa ernähren, ruiniert. Es sind fast nur noch die Alten, wie Mischko und seine Frau Piroshka, die sich trotzdem schinden, weil sie irgendwie überleben müssen.
Das Haus ist eine Ruine, nur noch zwei Zimmer sind bewohnbar. In der kleinen Küche steht der einzige Ofen. Nur mit leeren Maiskolben können sie schüren, seit fast alle Bäume auf ihrem Besitz im Winter 99 von Holzsuchenden bei Nacht und Nebel gefällt wurden. Einmal jede Woche bringt der Sohn Arpad Medizin für den Vater aus Ungarn, weil es die in Serbien nicht gibt.
Niemals möchte Arpad Bauer werden. Der Westen verhätschelt seine Bauern mit Subventionen und hier werden sie nur geprügelt, ausgesaugt, benutzt. Die Eltern sind müde, sehr müde und traurig. Was ist nur aus Serbien, aus der Vojvodina aus uns Menschen hier geworden? Wenigstens zu Essen haben sie, selbst das ist in der einstigen Kornkammer des Balkans im Jahr 2002 nicht selbstverständlich.
Hilfe von Verwandten aus dem Ausland
Ohne Hilfe von im Ausland lebenden Landsleuten sähe es noch düsterer aus. Verwandte im “goldenen Westen” sind für viele Menschen der einzige, letzte Strohhalm, an den sie sich klammern können. Lajos Tot ist klar, wie viel Glück im Unglück er hat und so ist der Großteil dessen, was er aus München mitgebracht hat, nicht für ihn und seine Frau bestimmt. Wenigstens ein bisschen helfen, da wo es ihm am Wichtigsten erscheint, wie der Familie Ertek gleich um die Ecke. Tochter und Schwiegersohn haben in München Kleidung und Spielzeug gesammelt. Neben den Alten sind es besonders die Familien, für die es von Tag zu Tag, von Woche zu Woche schwieriger wird. Kinderreichtum in Krisenzeit kennt man eigentlich nur aus der 3. Welt.
Lajos fühlt sich ein wenig, wie der zu spät gekommene Weihnachtsmann. Die Erteks haben Niemand im Westen, es kommt nicht oft vor, dass in Serbien in dieser Zeit etwas verschenkt wird. Umso grösser ist die Freude. Die Schlepperei, der Ärger am Zoll, es hat sich gelohnt. Für die sechsjährige Sabina und ihren kleinen Bruder Sebastian sind es die ersten Kuscheltiere ihres Lebens und auch der siebenjährige Sabole kann sein Glück kaum fassen. Bei der sechsköpfigen Familie lebt auch noch die Tante, in zwei baufälligen Zimmern.
Lajos: “Es tut mir weh zu sehen, wie mein Volk leben muss, in welchem Elend, in welcher Armut. Besonders schlimm hat es wieder einmal die einfachen Menschen erwischt. Viel kann ich leider nicht machen, aber wenigsten ein bisschen helfen, besonders den Kindern.”
Chronologie des Wahnsinns
Chronologie des Wahnsinns auf dem Balkan: Am 25. Juni 1991 erklären Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit. Milosevic antwortet mit Krieg, vor allem gegen die Zivilbevölkerung. An der kämpfenden Front werden dagegen bevorzug Angehörige ethnischer Minderheit verheizt. Besonders die serbischen Ungarn in der Vojvodina zahlen einen hohen Blutzoll. Besonders im von Belgrad aus ferngelenktem Bürgerkrieg in Bosnien kommt es zu immer mehr Massakern gegen die Zivilbevölkerung. Mit unvorstellbarer Grausamkeit wüteten paramilitärische Banden der Tschedniks gegen alles Nichtserbische.
Bilanz der Kriege im ehemaligen Jugoslawien bis 1995: drei Millionen Flüchtlinge, 250.000 Tote. 1997 kommt es im Kosovo zu Unruhen, wieder antwortet Milosevic mit Massakern. Am 24. März 1999 beginnt die Nato mit Luftangriffen auf Serbien. Nach 78 Tagen endet der Traum vom Großserbischen Reich in Trümmern, Hass und Leid.
Januar 2002. Für Janosch Medwe ist der Krieg nicht wirklich vorbei. Nacht für Nacht verfolgen ihn die Bilder von verstümmelten Menschen, auch Alten, Frauen, Kindern. Mit seiner Mutter und seiner Schwester, mit denen er eine winzige Wohnung teilt, kann er nicht reden. Niemand in Serbien will darüber reden, Menschen wie Janosch sind alleine mit ihren Erinnerungen. Vor wenigen Wochen hat sich Janoschs Freund umgebracht, auch eine Antwort auf das eisige Schweigen. Janosch war 24 als er an die Front musste. Heute mit 35 fühlt er sich wie ein alter Mann, der auf den Friedhof gehen muss, um die Freunde seiner Jugend zu besuchen.
Im Sommer, wenn er Arbeit finden kann auf den Feldern ist es nicht so schlimm, aber jetzt im Winter! Immer öfter denkt er daran, dass es die in den Gräbern besser haben.
In Becej wurde nie gekämpft, fielen keine Bomben und doch sieht diese 60.000 Einwohnerstadt aus wie nach einem Angriff. Schwer vorstellbar der einstige Wohlstand dieses Agrarzentrums. Sogar am Hauptplatz stehen Häuser leer, verfallen. Die Kommune hat kein Geld aber sie verkauft auch nichts an die wenigen privaten Investoren. Ohne die versprochen Autonomie würde Belgrad das Geld einstecken, nicht ein Dinar käme hierher zurück.
Seit Milosevic seine eigenen Landleute mit seiner Privatbank um alle Ersparnisse betrogen hat, bringt kein Serbe sein Geld zu einer Bank. Wer irgendwie zu etwas Geld kommt, tauscht das sofort in Devisen und versteckt es. Es ist so gut wie kein Geld im Umlauf und so können sich auch die wenigen privaten Geschäfte nie lange halten. Ein Kreislauf, bei dem es keine Gewinner gibt, nur Verlierer, solange die Zentralregierung in Belgrad nicht bereit ist, der Vojvodina endlich den vor 13 Jahren weggenommenen Autonomiestatus zurückzugeben.
Anmerkung von Dragan Drazic
Der Dokumentarfilm wurde am 27.01.2002 das erste mal ausgestrahlt. Michael Kreitmeir lebt seit Jahren auf Sri Lanka und kümmert sich um sein Projekt Littlesmile. Nur für einge Monate im Jahr kommt Michael Kreitmeir nach Deutschland und übernimmt unter anderem die Regie für “O’zapft is” und dreht einige Beiträge auf dem Oktoberfest in München.



